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Tiefenökologie und Spiritualität

28. November 2012
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Ich bin sicher nicht die Richtige, zu erklären, was das ist, denn ich gehöre zur ‚rational-praktischen‘ Strömung innerhalb der Transition-Bewegung. Dennoch habe auch ich ein Verständnis von der menschlichen Beziehung zur Umwelt, das man evtl. als tiefenökologisch bezeichnen könnte, obwohl es aus meinem zutiefst naturwissenschaftlichen Medizinstudium stammt. Meine Überlegung geht so:

– Der menschliche Körper ist in vielerlei Hinsicht ein eigenes Ökosystem. Unsere Haut wird geschützt und geschmeidig gehalten durch eine dichte Besiedelung von Einzellern (hauptsächlich Bakterien), unsere Verdauung würde ohne ihre Vorverdauung vieler Nahrungsbestandteile nicht funktionieren, und auch unser Immunsystem ist auf die ‚guten‘ Keime angewiesen, die uns helfen, die pathogenen in Schach zu halten. JedeR trägt ca. 2kg davon täglich mit sich herum. Krankheit (z.B. eine Erkältung, ein Hautausschlag, ein Durchfall) ensteht, wenn dieses Gleichgewicht gestört ist. Jede Behandlung kann nur dazu dienen, unserem Körper und seinen Symbioten zu helfen, die Störung im System auszugleichen.  Zu unserem Glück ist es aber meist ungeheuer resilient und überlebt sogar jahrelange Zuführung von zuviel Alkohol, Zucker, Fett, Salz und Toxinen wie z.B. Dioxin oder Tabakrauch- und Abgasbestandteilen.

– unser Körper steht in permanenter Osmose mit unserer Umgebung. Wasser kann durch unsere Haut und Schleimhäute eindringen und verdunsten, Nährstoffe, Salze und ‚Abfälle‘ passieren unsere Barrieren in Darm, Nieren und Leber, Gase werden über die Lunge aufgenommen und abgegeben. Das, was die meisten wohl für ihr Inneres halten, ist in Wirklichkeit die größte Außenfläche, die wir haben: Atemwege, Verdauungstrakt und Blase stehen in direkter Verbindung nach ‚draußen‘, Lungenbläschen und Darmzotten vergrößern die Fläche noch um ein vielfaches.

Hinzu kommen Ekenntnisse, die ebenfalls im Rahmen klassischer Humanwissenschaften (Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Ethnoligie, Politologie, Geschichte) gewonnen wurden:

– unsere Identität und mental-psychische Stabilität existiert nur in der Verbindung mit anderen. Ohne Gegenüber und ohne gelingende Kommunikation können wir keine resiliente Persönlichkeit ausbilden und erhalten, die sich selbst trotz allen Wandels im Laufe des Lebens als kongruent (mit sich in verschiedenen Rollen und Lebensaltern übereinstimmend) erlebt. Selbst unsere Wahrnehmung der ‚Realität‘ und unsere Erinnerungen können durch soziale Interaktion verändert werden, es gibt also keine objektive Wirklichkeit sondern nur eine sozial Verhandelte. Unsere Gesellschaft bildet ein soziales System, in dem niemand irrelevant ist,  wenn auch vielleicht marginal(isiert). Wir sind das System in dem wir leben, und wieviel Entscheidungsfreiheit wir haben, ist nicht nur durch äußere Parameter wie die Verfügbarkeit von Ressourcen bestimmt, sondern auch durch die Optionen, die wir zu sehen in der Lage sind. Was wir sehen und wie wir es interpretieren, welche ‚Wirklichkeit‘ also die unsere ist und welche Entscheidungen wir treffen können, ist kulturell bedingt.

Daraus folgt, dass alles, was ‚außen‘ passiert, auch in unserem Inneren Effekte hat und bestimmt, was und wer wir sind. Wir sind wirklich, was wir essen, was wir atmen, jedes einzelne Atom von uns. ‚Ich‘ ist nicht Einzahl sond Viele Lebewesen, die auf und in uns leben (nicht zuletzt die Mitochodrien in jeder unserer Zellen, die eine eigenen DNA haben und uns seit Urzeiten mit Energie versorgen). Wir sind zutiefst soziale Wesen, unser Bild von uns selbst und der Mitwelt (d.h. Umwelt und soziales Umfeld) wird bestimmt davon, wie wir mit ihr interagieren. Aber wir sind ihr nicht passiv ausgesetzt, sondern können sie selbst als Teil des Gesamtsystems beeinflussen. Keiner kann alleine bestimmen, was passieren wird, nicht einmal ein Diktator, denn auch der ist ohne Milizen und die Duldung der Mehrheit machtlos.

So verstehe ich den Dreiklang von Hand, Herz und Verstand, der mich bei der Transition-Idee so überzeugt hat (drei ist übrigens eine sehr typische kulturbedingte Zahl an Kategorien). Durch das Tun erleben wir die Welt und gestalten sie, durch das Fühlen stehen wir mit ihr emotional in Verbindung, ohne alles im Einzelnen durchdenken zu müssen, und durch das Denken sind wir in der Lage, unsere Handlungen und Wahrnehmungen kritisch zu hinterfragen, und so nicht zum Spielball von Leuten zu werden, die uns Allheilmittel jeglicher Art versprechen. Nur wenn alle drei Zusammenwirken, können wir die Komplexität und Spontaneität der Welt ertragen. Denn Menschen neigen dazu, einfache Erklärungen und klare Muster zu suchen, um die Grundangst vor dem Tod, die Auslöschung der eigenen Existenz, zu beherrschen.

Ich persönlich halte Religionen oder andere spirituelle Gemeinschafte und Philosophien für Versuche, mit Glauben die Unsicherheit durch all das, was wir nicht wissen können, in den Griff zu bekommen. Viele Menschen werden durch ihren Glauben stabilisiert, bilden resiliente Gemeinschaften und richten ihr Handeln nach ethischen Maßstäben aus, die sich durchaus verallgemeinern lassen, weil sie fast universell zu finden sind (z.B. das Tötungsverbot). Es spricht also nichts dagegen, wenn Menschen glauben und sich auf der Suche nach Spiritualität zusammen tun. Nur ist das eben eine individuelle Entscheidung und hat nichts direkt mit dem Transition-Ansatz zu tun. So verstehe ich auch die Antwort von Rob Hopkins, die Thomas unten auf der Kiezwandler-Seite veröffentlicht hat: http://transitiontown-friedrichshain-kreuzberg.de/so36/node/296
Nun hoffe ich auf eine rege Diskussion zum Thema, denn ich bin mir sicher, dass nicht viele mein Weltbild 1:1 teilen, und dass ich überhaupt in der Kürze nicht alles so erklären konnte, dass es verständlich ist.

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3 Kommentare leave one →
  1. 7. Januar 2013 15:32

    Der Begriff deep ecology (Tiefenökologie) wurde von Arne Naess (Philosoph) geprägt. Wichtig ist dazu auch die Gaia-Hypothese von James Lovelock (Chemiker, Biophysiker und Mediziner ) und Lynn Margulis (Mikrobiologin). Joanna Macey u.a. haben dem eine spirituelle Komponente hinzugefügt, die nicht notwendigerweise dazu gehören muss.

  2. kookaburra69 permalink
    29. November 2012 18:50

    Hi Maike,
    danke für die wunderbar interessante (und vollkommen unspirituelle) Einführung in die Mikrobiologie des menschlichen Körpers ;D

    Wenn Tiefenökologie so harmlos wäre fänd icks ooch noch lustig.

    Thomas

    http://Kiezwandler.de/PLAN-B

    • 30. November 2012 22:18

      ‚Spirituell‘ wird es erst, wenn man sich nicht nur philosophisch sondern auch emotional, damit befasst, was aus diesen Überlegungen folgt:
      Wer ist ‚ich‘? – wenn mein Inneres viel mehr ‚außen‘ ist als mein Außen – wenn ich ein Lebensraum bin, genauso wie mein Komposthaufen – wenn die Luft zu mir und ich zur Luft werde, egal ob ich sie mit einem Baum oder dem Vergaser eines Autos teile …
      wie kann es mir jemals gleichgültig sein, wie meine Nahrung gewachsen ist, wenn ich bedenke, dass sie das ist, aus dem mein physisches Selbst besteht…
      wie kann ich micht jemals mächtig fühlen wenn ich bedenke, dass mein soziales Umfeld, mein Umgang mit anderen, die Kultur mit der ich mich umgebe, meine Identität und Erinnerung bestimmt – und wie kann ich mich jemals machtlos fühlen, wenn ich weiß, dass meine bloße Existenz meine Mitwelt beeinflusst?
      Ich bin integraler Teil meiner Mitwelt, so wie sie Teil von mir ist. Alles ist verbunden, ‚ich‘ bin keine abgegrenzte Einheit, sondern ein immerwährend prozesshaft-dynamisches System.
      Wie fühlst du dich, wenn du so über dich nachdenkst?
      Viele Kulturen haben versucht, das auszudrücken und Formen zu finden, sich selbst und dieser Verbindung mit Muße nachzuspüren. Man kann dafür Fernöstliche Weisheiten und Methoden heranziehen, Meditieren, Tanzen, Beten… oder sich einfach mal im Gras in die Sonne setzen und das ganze gekribbel und Leben beobachten. Bei mir macht sich dann eine große Dankbarkeit breit für all das, was ganz ohne mein zutun da ist und mir das Leben ermöglicht. Religiös werde ich davon allerdings nicht.
      Soweit Teil 2

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