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Aussteiger wider Willen

5. Mai 2015

Ich hatte nie vor, ein Aussteiger zu sein. Ich war sogar der Überzeugung, dass das gar nicht geht, denn auch die Lebensweise der Aussteiger wird von der restlichen Gesellschaft wahrgenommen und ist so als Gegenentwurf ein Teil von ihr. Aber jetzt ist es anscheinend doch passiert und ich habe es nicht mal bemerkt.

Am Samstag war mein Bioladen zu. Ausnahmsweise geh‘ ich also in den Supermarkt, in dem ich seit Monaten nicht mehr war und stelle fest, dass es wie eine Reise ins ferne Ausland ist. Nach vier Jahren Wandel sehe ich nur noch Regale voller fremder Produkte, eingepackt in Unmengen von Plastik, die die Bezeichnung „Lebensmittel“ nicht verdienen. Dazwischen Unmengen an Dingen, auch aus Plastik, deren Nutzen sich mir nicht erschließt. Wozu braucht ein Mensch extra eine Kiwi-Dose, in die nichts Anderes als diese um die Welt transportierte Frucht passt? Wozu Spielzeug, Badeschlappen oder Schreibzeug kaufen, die schon beim Hinschauen kaputt gehen? Wozu all das Wasser in Plastikflaschen, mit denen man sich nur mühsam das BPA nach Hause schleppt während dort das Wasser aus der Leitung kommt ? Ich gehe durch die Gänge und wundere mich, wie es sein konnte, dass ich das alles mal normal fand. Noch mehr aber wundere ich mich darüber, dass ich das so schnell vergessen habe. Ich habe nicht nur meine Gewohnheiten verändert, sondern offensichtlich auch meine Wahrnehmung.

Wenn man für Fernsehen keine Zeit mehr hat, nur noch mit dem Rad unterwegs ist und sich hauptsächlich in Kreisen gleichgesinnter irgendwie-Weltverbesserer bewegt, wird es plötzlich normal, dass man statt für eine Veranstaltung zu zahlen am Ende gebeten wird, doch bitte, bitte noch eine Tüte Brot, den Salat und ein Kilo Äpfel mitzunehmen. Es ist vom Foodsharing zuviel übrig. Es wird normal, dass man sich alle paar Monate eine neue Garderobe ertauscht und nur darauf achten muss, dass der Schrank nicht zu voll wird, aber nicht mehr, ob sich das Konto dabei leert. Es wird normal, dass man erst gibt und Vertrauen schenkt ohne eine Gegenleistung zu erwarten, weil man die Erfahrung gemacht hat, dass man dann von irgendwo her noch mehr zurück bekommt. Man beginnt, sich darauf zu verlassen, dass man, wenn man nur genügend Menschen davon erzählt, alle Probleme von irgendwem gelöst bekommt. Man muss sich nur die zeit dafür nehmen und Geduld haben. Und es wird normal, dass man jeden Tag etwas Neues lernt, jede Woche neuen Menschen und ihren Ideen begegnet; dass man eben ständig in Bewegung ist. Mit dem Alltag der meisten Menschen hat das tatsächlich nur noch sehr wenig zu tun. Ich stelle fest, dass ich im Prozess des inneren Wandels in eine Parallelwelt gezogen bin, ohne je meine gewohnte Umgebung verlassen zu haben. Ein seltsames Gefühl. Es war gar nicht meine Absicht.

(Bericht von Maike)

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